Traumatisierte brauchen Sicherheit

Von Jürgen Soyer

Erfahrungen aus Beratung und Therapie für traumatisierte Geflüchtete bei Refugio München

Trauma heißt, das Gefühl für Sicherheit und Wert im Leben verloren zu haben. Beratung und Therapie können traumatisierten Flüchtlingen helfen, den Alltag besser zu bewältigen und den schier unerträglichen Wartezustand im Asylverfahren auszuhalten. Für ihre Heilung brauchen sie eine Willkommenskultur, keine Abschreckungspolitik.

Wer sie kennenlernt, weiß sie schnell zu schätzen. Aber es ist sehr schwer, sie kennen zu lernen. Frau Atonga (Name geändert) hat Angst und redet nicht viel. Die Kongolesin lebt seit einem Jahr in Deutschland. Sie kann kaum darüber sprechen, was sie im Kongo erlebt hat; sofort muss sie weinen. Nur so viel wissen wir: Eines Tages kamen Soldaten in ihr Dorf, töteten oder verschleppten alle Männer, vergewaltigten die Frauen und die Kinder mussten das Grauen mitansehen. Nur andeutungsweise konnte uns Frau Atonga in der Therapie erzählen, was sie selbst erlebt hat. Es braucht viel Zeit, bis aus den inneren Bildern auch Worte werden, die als befreiend erlebt werden. Oft geht es bei den Gesprächen bei Refugio darum, wie sie sich trotz ihrer Trauer, trotz ihrer Depression, um ihren dreijährigen Sohn kümmern kann. Mit ihm ist sie alleine durch Afrika geirrt. Wie sie nach Europa kam, wissen wir nicht.

Sie lebt in einer Gemeinschaftsunterkunft in München und wartet tagaus, tagein, dass das Leben etwas Hoffnung bringt. Sie kommt einmal in der Woche zur Therapie zu Refugio. „Da bekomme ich Trost. Da hört mir jemand zu“, sagt sie. Nach knapp einem Jahr in Therapie geht es ihr etwas besser. Die Erinnerungen holen sie nicht mehr jede Nacht ein. Sie schafft es besser, sich um ihr Kind zu kümmern, das sie sehr liebt. Sie macht sich Vorwürfe, „keine gute Mutter“ zu sein. Und dabei hat sie so viel erreicht: Sie kocht wieder jeden Tag für ihr Kind. Sie trifft regelmäßig eine Ehrenamtliche, die mit ihr Deutsch lernt. Sie fängt an, sich um ihr Asylverfahren zu kümmern, spricht mit der Anwältin. Vor einem Jahr wäre all das unmöglich gewesen. Die Schritte sind klein, aber sie gehen in Richtung Zukunft.

 

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