Ausgabe Nr. 60 | 60 shades of Hinterland
60 shades of Hinterland. Das haben wir uns für diese Ausgabe auf die Fahne geschrieben. 60 Nuancen, Schattierungen, Farbtöne – ein gemeinsamer Nenner: Seit 20 Jahren berichtet die Hinterland über flucht- und migrationsspezifische Themen. Den Bayerischen Flüchtlingsrat gibt es sogar schon doppelt so lange. Und 20 plus 40 macht bekanntlich sechzig! Da wären wir also wieder. Ein Jubiläum jagt das Nächste. Die erste offizielle Hinterland-Ausgabe mit dem Schwerpunktthema #wohnen erschien im Jahr 2006. Seitdem ist viel passiert, nicht nur im Großen auf der Welt, sondern auch im Kleinen in unserer Redaktion. Alles war dabei – Tod, Scheidung, Abschiede, Umzüge, Hochzeit, Geburt. Der Kreislauf des Lebens hat uns mal ins Schleudern, mal ins Stolpern, jedoch nie ins Stocken gebracht. Viele fleißige und talentierte Autor*innen, Illustrator*innen und Fotograf*innen haben unsere Redaktion unterstützt und tun es auch weiterhin. Dafür ein großes Dankeschön!
Danke auch für die Treue, liebe Leser*innen. Wenn wir uns Begriffen aus dem Kontext der Hochzeitsjubiläen bedienten und jede Ausgabe mit einem Jahr gleichsetzten, so würden wir mit der 60. Ausgabe Diamantene Hochzeit feiern. So wie ein Diamant das Licht in all seine Spektralfarben zerlegt, so bunt ist auch die 60. geworden – sowohl inhaltlich als auch visuell. Die dunklen Nuancen des Farbspektrums beleuchtet Fred Heussner. Dabei bietet er einen Überblick über die Kritik an der Datenkrake Palantir und den Zusammenhang zwischen dieser Überwachungssoftware, den Tech-Milliardären und den US-amerikanischen Rechten. Zurecht kritisiert wird auch die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS), die im Juni 2026 in Kraft treten wird. Welche Folgen und Einschränkungen ihrer Rechte diese Reform für Geflüchtete haben wird, erzählt uns Maximilian Pichl im Interview. Asylsuchende werden jedoch nicht nur an den EU-Außengrenzen unter haftähnlichen Bedingungen festgehalten. Demnächst könnte das in München auch am Flughafen in einem extra gebauten Abschiebeterminal Realität werden. Dagegen setzt sich Hannah Sommer entschieden ein. Sie ist Mitinitiatorin der Kampagne Abschiebeterminal MUC verhindern und erzählt im Interview, wie es um die Pläne steht und was getan wird, um dieses Vorhaben zu verhindern. Mit so viel solidarischem Widerstand schaffen wir es bestimmt noch zur Gnaden- oder Kronjuwelenhochzeit!
Eure facettenreiche Hinterland-Redaktion
Neues Abschiebeterminal am Münchner Flughafen?
Neuer Abschiebeterminal am Münchner Flughafen?
Nein. Danke!
Als Mitarbeiterin des Münchner Flüchtlingsrats und Mitinitiatorin der Kampagne Abschiebeterminal Muc verhindern berichtet Hannah Sommer über den Stand der Planungen des Münchner Abschiebeterminals und was jetzt noch gegen den Bau unternommen werden
kann.
Im Münchner Flughafen soll ein Abschiebeterminal gebaut werden. Was genau bedeutet das?
Auch jetzt schon finden Abschiebungen vom Münchner Flughafen aus statt, aktuell über Terminal 1. Es gibt am Münchner Flughafen die kombinierte Transit- und Abschiebungshafteinrichtung, kurz KTA genannt. Jetzt geht es aber nicht darum, mehr Haftplätze für Geflüchtete in der KTA zu schaffen, sondern wirklich ein eigenes Terminal zu bauen, nur für Abschiebun gen, mit einem direkten Zugang zum Rollfeld. Damit werden Abschiebungen noch isolierter vom Rest des Flughafenbetriebs stattfinden können als es ohnehin schon der Fall ist. Abschiebungen sind bereits jetzt an diesem Ort eine ziemliche Blackbox. Am Münchner Flughafen gibt es kein unabhängiges Abschiebemonitoring wie an anderen deutschen Flughäfen, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren.
Wann soll das Terminal in Betrieb gehen?
Die Inbetriebnahme des Abschiebe terminals soll nach bisherigen Plänen 2028 erfolgen. Bisher haben wir die Information, dass es damit möglich sein soll, bis zu 100 Personen am Tag abzuschieben und zusätzlich noch zwei Charter-Flüge pro Tag stattfinden sollen. Auch wenn das maximale Zahlen sein sollen und davon auszugehen ist, dass es nicht jeden Tag so viele Abschiebungen geben wird, ist das eine politische Absichtserklärung, wohin die Entwicklung geht, und damit wird auch eine dauerhafte Infrastruktur für eine Ausweitung von Abschiebungen geschaffen. Vor dem Hintergrund von zunehmenden europäischen Kooperationen bei Abschiebungen besteht die reale Möglichkeit, dass dann München zukünftig auch eine zentrale Rolle als Abschiebestadt einnimmt. Auf EU-Ebene wird diskutiert, noch mehr Abschiebungen per Charter zwischen den EU-Mitgliedstaaten gemeinsam durchzuführen, was jaauch aktuell schon passiert, und da befürchten wir, dass genau dafür eine bauliche Infrastruktur geschaffen werden soll.
(der ganze Artikel im PDF Format)
Dobrindts Blockade
Dobrindt ignoriert das Leid der Geflüchteten. Er redet von Zahlen, wir reden von Menschen. Ein Kommentar von Arif Haidary über die Einschränkungen beim Zugang zu Integrationskursen.
Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten München, zusammen mit Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern. Wir hatten wenig gemeinsam, außer einer Sache: dem Wunsch, hier anzukommen. Wirklich anzukommen. Nicht nur physisch, sondern auch sprachlich, gesellschaftlich, menschlich. Deutsch zu lernen war für mich nicht einfach nur ein Kurs. Es war der erste Schritt in ein neues Leben. Heute, viele Jahre später, arbeite ich beim Bayerischen Flüchtlingsrat, bin stellvertretender Vorsitzender im Münchner Migrationsbeirat und am 8. März 2026 wurde ich in den Stadtrat für die Partei Die Linke gewählt. Ich begleite Menschen, die genau dort stehen, wo ich einmal stand und ich sehe mit großer Sorge, wie ihnen gerade genau das genommen wird, was mir damals geholfen hat: der Zugang zu Sprache. Die Kürzungen bei den Deutsch- und Integrationskursen durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) – politisch verantwortet unter anderem von Alexander Dobrindt und getragen von der aktuellen Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD – sind nicht einfach eine Verwaltungsentscheidung. Sie sind ein Einschnitt, ein Bruch und für viele Menschen ein Rückschritt in die Unsichtbarkeit. Sie sind Ausdruck einer Politik, die sehenden Auges Integration erschwert und soziale Spaltung in Kauf nimmt.
(der ganze Artikel im PDF Format)
Death by the Ocean
Death by the Ocean
Vana jila kue ba sadisi ba sadisa mono
Er stieg in dieses Boot, dieser Junge,
Mit dem Ziel, eine bessere Welt zu entdecken.
Er geht, ohne zurückzublicken,
Lässt seine Familie, alle, die er liebt, hinter sich.
Das Leid in seinem Land drängt ihn zu fliehen,
So weit zu gehen, bis er seine Seele verliert.
Ich habe mein Kind im Ozean verloren!
Ich habe meine Zukunft auf diesem Weg verloren,
Ein Boot, das seit Jahrhunderten meinen Reichtum und unser Volk hinwegträgt,
Ohne Erbarmen.
Das Leben könnte für uns besser sein,
Wir haben alles, was wir brauchen!
Lasst uns nicht in unseren Träumen verlieren, wir müssen dieses Blutvergießen stoppen.
Wo sind die starken jungen Menschen und wahren Führungspersönlichkeiten?
Wir brauchen politische Macht,
Und eine Welt, in der Menschlichkeit regiert.
(Kimuntu mpe tu losela ka bue tu nungina)
(Ta kaleno ku mbongi, ka zola mpe yi weri tu vukasa yi kondolo)
Sie alle träumen davon, dorthin zu gehen, wo der Reichtum ist.
Sogar bis sie ihre Seelen verkaufen.
Ich habe mein Kind im Ozean verloren!
Ich habe meine Zukunft auf diesem Boot verloren,
Ein Boot, das seit Jahrhunderten unseren Reichtum und unser Volk hinwegträgt,
Ohne Erbarmen.
(der ganze Artikel im PDF Format)
Damaskus und anderswo: Wiederaufbau zwischen Hoffen und Bangen Reisebeobachtung
Wiederaufbau zwischen Hoffen und Bangen
Seit der Machtübernahme durch Präsident Ahmed al-Sharaa und der von ihm angeführten HTS-Miliz (Haiat Tahrir asch-Scham) ist es ruhiger geworden in der internationalen Berichterstattung zu Syrien. Wie geht es den Menschen in Damaskus und der dortigen Region? Blicke auf ein Land, in dem die Zerstörung nur eine Querstraße von der Hochkultur entfernt ist.
Anfang Februar, etwas mehr als ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes lässt die Sicherheitslage es zu, der Hauptstadt Damaskus und der umliegenden Region einen Besuch abzustatten. Was sagen die Menschen? Wie hat sich ihr Leben seitdem verändert?
Pauschal lässt sich diese Frage kaum beantworten, zu heterogen ist die Bevölkerung, zu unterschiedlich sind die Meinungen.
Gerne hätten wir – Antonia Titze von der österreichi –
schen Tageszeitung Der Standard, Michael Kranabetter, freier Fotograf, Ahed Matook, Übersetzer und ich – mit Angehörigen aller Bevölkerungsgruppen gesprochen. Das jedoch gestaltet sich der schieren Vielzahl wegen als schwierig.
Um mit ersten Beobachtungen anzufangen: An der jordanischen Grenze zu Syrien stauen sich die vollen
Lastkraftwagen, die Baumaterial ins Land liefern und leere Laster, die nach Jordanien fahren, um Nachschub zu holen. Nach 15 Jahren Bürgerkrieg ist viel zerstört.
Überall wird deshalb gebaut.
Das birgt aber auch ein Risiko, an das man im ersten Moment nicht denken mag: Minen, Streubomben und nicht detonierte Mörser- und Raketen-Munition, die in den zerstörten Stadtteilen unter den Trümmern verborgen liegen.
(der ganze Artikel im PDF Format)

Performance INVISIBLE BORDERS von Anna McCarthy vom 30.11.2025
Foto: Barnes