vir şpreh’ın doyç
Von Gülcan Durak
Wir sprechen Deutsch. Also ich auf jeden Fall.
türkischen Großmutter sah das verständ –
licher weise anders aus. Sie kam 1969 als Arbeits –
migrantin, als sogenannte „Gastarbeiterin“ nach
Deutschland. Sie konnte anfangs kein doyç. Wie auch?
Schließlich ging es nicht darum. Die Arbeitsmigrant –
*innen, die nach Deutschland geholt wurden, mussten
sich zwar bevor sie einreisen durften in Istanbul einer
Art Musterung unterziehen. Damit sie auch ja gesund
und fit genug sind, um sich später hier totschuften zu
können. Aber es wurde nicht bedacht, dass es für die
Integration von Vorteil sein könnte, diesen Menschen
die doyçe Sprache näher zu bringen. Zumindest als
abzusehen war, dass das vielleicht ein etwas längerer
Aufenthalt werden könnte. So erzählte mir meine
Großmutter, dass sie sich in der Fabrik mit Händen
und Füßen verständigen musste. Einkaufen stellte
auch eine Herausforderung dar, wenn man zum
Beispiel nicht weiß, was süt (Milch) auf doyç heißt. Sie
stand also vor der Verkäuferin und probierte es mit
Lautäußerungen: „Muh, muuuh!“ Oder vielleicht auch
„Mö mööö“ – kein Scherz, das ist die Übersetzung auf
Türkisch. An Klischees ist eben manchmal etwas dran.
Ich kann sie leider nicht mehr fragen, ob es ein Muh
oder ein Mö war, aber sie hat sich durchgekämpft und
sich die Sprache selbst beigebracht. Denn Deutsch –
kurse wurden ihr und ihren Kameradinnen nicht ange-
boten – weder vom deutschen Staat noch von der Fab-
rik. Besser hatten es in den 90er Jahren die Spätaus –
siedler*innen. Ihnen wurden glücklicherweise direkt
Integrationshilfen zur Verfügung gestellt, darunter
auch Sprachkurse. Die ehemaligen Arbeitsmigrant –
*innen von damals gingen jedoch wieder leer aus. Das
Doyçkursangebot wurde nicht auf sie ausgeweitet.
Staatlich geförderte Integrationskurse wiederum gibt es
erst seit 2005. Ja und wie steht es um die, 21 Jahre
später? Ah Doyçlan… <
