Ausgabe Nr. 36

Schwerpunkt: Strategie

„Wenn der Schnee schmilzt, sieht man, wo die Kacke liegt“  (R. Assauer)

Liebe Leser*innen,
Die Anzahl der in China lebenden Großen Pandabären – so belegt es der letzte Zensus im Jahr 1988 – ist von 1.200 auf knapp 1.900 angestiegen, der Trend weist derart steil nach oben, dass sie von der Roten Liste der stark gefährdeten Arten gestrichen wurden. Im September 2017 hielten es fast sechs Millionen Wahlberechtigte in Deutschland für eine gute Idee, eine extrem rechte Partei, in den deutschen Bundestag zu wählen, die mit menschenfeindlicher Hetze Politik macht. Diese beiden Informationen in dieser Reihenfolge anzuordnen, war strategisch sicher nicht verkehrt, haben wir so doch verhindert, dass sich euch schon auf den ersten Zeilen unserer neuen Ausgabe der Magen umdreht. Sowohl bei den Bambusconnaisseuren wie auch den völkischen Vollpfosten stellt sich die Frage nach der Strategie: Wie planvoll sind alle Beteiligten vorgegangen? Was waren ihre Vorstellungen und wie haben sie diese in die Tat umgesetzt? Auch abseits der Wahlkämpfe, Spielbretter und Schlachtfelder auf dem Mietmarkt, im Internet oder im analogen Alltag haben wir in dieser Ausgabe solche Kalküle untersucht. Was wirklich planvollem Vorgehen entspringt ist selbstredend eine wichtige Frage, die Verschwörungsideolog*innen sehr gerne mit „alles“ beantworten. Mit einem Vertreter dieser Szene hat sich für diese Ausgabe Pit Kühnöhl befasst, während Rieke Lassen und Sebastian Muy den strategischen Kampf gegen den Familiennachzug durch Unionspolitiker*innen beleuchten. In unserem Länderschwerpunkt dreht sich alles um die strategische Situation in Syrien, unter anderem im Interview von Agnes Andrae mit Karim Alwasiti. Marianne Walther hat sich mit Aktiven unterhalten, die Geflüchteten auf dem irrwitzigen Münchener Mietmarkt mit ausgeklügelten Methoden zur Seite stehen. Zusammen mit weiteren Texten haben wir euch diese Beiträge kühl kalkulierend zu einer neuen Hinterland gebündelt.

Eure ausgefuchsten Strateg*innen der
Hinterland-Redaktion

PS: Age of Empires 2

Paradies Deutschland?

Familien auf der Flucht zwischen Syrien, Jordanien und Deutschland

Silke Hachmeister und Philipp Kühnlein begleiten den Prozess der Migration sieben syrischer Familien von Jordanien nach Deutschland: Auszüge individueller Fluchtgeschichten, Eindrücke der prekären Situation Geflüchteter in Jordanien, Hoffnungen auf ein besseres Leben in Deutschland und Enttäuschungen nach der Ankunft.

Anfang September 2015 fanden sich mehrere hundert Menschen rund um den Bahnhof Keleti in der ungarischen Hauptstadt Budapest zusammen und machten sich zu Fuß auf den Weg Richtung Norden. Das Ziel: über Österreich nach Deutschland. Berichte und Videos dokumentieren den Marsch der Menschen und ihre Hoffnungen, in Westeuropa die Qualen von Krieg, Verfolgung und Flucht hinter sich lassen zu können. Entlang von Schnellstraßen und Autobahnen liefen Menschen, überwiegend aus Syrien, zu Fuß in Richtung Westen und unterliefen damit das repressive Grenzregime der europäischen Staaten. Unter dem Hashtag #marchofhope ging diese Migrationsbewegung binnen kürzester Zeit um die Welt und machte auf die bisher wenig thematisierte ‚Balkanroute’ aufmerksam. Zwar existierte diese Route von den griechischen Inseln über die Staaten des westlichen Balkans nach Mittel- und Nordeuropa zu diesem Zeitpunkt bereits seit einigen Jahren, allerdings nimmt die Zahl der Migrant*innen seit Ende 2014 deutlich zu und erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt im Herbst 2015. Eingerissene Zäune, riesige Zeltstädte an den Grenzen, Proteste und Auseinandersetzungen mit Grenzsoldaten sowie die schiere Zahl der Menschen, die sich nicht aufhalten ließen, kreierten Bilder des kollektiven Widerstandes und erzwangen einen Ausnahmezustand, der die Grenzen entlang der Bal- kanroute zeitweilig öffnete. Diese widerständigen Handlungen waren (und sind) getrieben von den Hoffnungen auf ein Leben in Würde und Frieden und manifestierten sich in dem Titel #marchofhope. Mit jedem eingerissenen Zaun und mit jeder passierten Grenze verstärkten sich diese Hoffnungen. Geschich- ten und Erzählungen über erfolgreiche Formen des Widerstandes, über die ‚einfachsten’ Wege und die ‚besten’ Ziele der Migration wurden entlang der Migrationskorridore ausgetauscht und über digitale Netzwerke an Familie und Bekannte in den Ausgangsorten der Migration weitergeleitet. In den zerbombten Städten und Dörfern Syriens, in den Flüchtlingslagern in der Türkei, im Libanon und in Jordanien entstanden auf diese Weise diverse Narrative über mögliche Wege zu Orten eines besseren Lebens, die konkrete Entscheidungen über eine potentielle Migration beeinflussen.

(der ganze Artikel im PDF Format)

Unschuldig hinter Gittern

Die Abschiebehaftanstalt in Eichstätt wurde im Juni 2017 in Betrieb genommen. Davor war sie eine normale Justizvollzugs- anstalt. Geflüchtete, die in Abschiebehaft genommen werden, sind damit nicht mehr in Mühldorf untergebracht, sondern werden in Eichstätt inhaftiert. Und zwar aus logistischen Gründen: Das„Aufnahme- und Rückführungszentrum“ in Manching und auch der Münchner Flughafen sind nicht weit entfernt.

(der ganze Artikel im PDF Format)

Die große Verleumdung

Die Schuldigen für den tausendfachen Tod an Europas Grenzen scheinen festzustehen: Junge Leute, Gutmenschen, die in ihrem Drang zu helfen über das Ziel hinaus geschossen sind, mit kriminellen Schlepper*innen kooperiert haben, einen Pull Faktor bilden, der noch mehr Menschen aufs Meer lockt. Das zumindest suggerieren unter anderem Gerichtsakten, zur Beschlagnahmung des Rettungsschiffs IUVENTA, die Teil einer gleichermaßen absurden wie gelungenen Inszenierung sind. Die Realität sieht anders aus: Europa lässt Italien im Stich, das versucht den Druck weiterzugeben. Leidtragende sind nicht die zivilen Seenotretter*innen oder irgendwelche Schlepperbanden, sondern die Menschen auf der Flucht, die nun noch gefährlicher wird. Die wahren Verantwortlichen für die Tragödie auf dem Mittelmeer hingegen bleiben unbehelligt.

Foto: L. Hofmann
Foto: L. Hofmann
(der ganze Artikel im PDF Format)

„Die internationale Gemeinschaft hat versagt“

Karim Alwasiti ist seit 15 Jahren Mitarbeiter beim Flüchtlingsrat Niedersachsen. Er berät im Auftrag von Pro Asyl und dem Flüchtlingsrat Niedersachsen bundesweit Geflüchtete, die darum kämpfen, dass ihre Familienangehörigen im Rahmen des Familiennachzuges nach Deutschland kommen können.

Du berätst seit Jahren Geflüchtete aus Syrien und beschäftigst dich mit der Situation in dem Land. Seit fast sieben Jahren herrscht dort nun schon Bürgerkrieg. Was bedeutet der Krieg für die Bevölkerung?

Die brutalen Kämpfe, die auf dem Rücken der Bevölkerung geführt werden – von allen Seiten -, gehen weiter. Wir befinden uns jetzt im siebten Jahr des Konfliktes in Syrien und es sieht auch weiterhin nicht so aus, als ob irgendeine politische Lösung, durch die das Blutvergießen gestoppt werden kann, in Zukunft gefunden wird. Das Regime hat mit Hilfe von Verbündeten große Gebiete erobert, das heißt die brutale Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen von Seiten des Regimes werden auch weiter gehen. Derzeit sind sechs Millionen Menschen in Syrien akut auf Unterstützung angewiesen, was die Versorgung angeht. Wir reden hier von Menschen, die zwischen die Fronten geraten sind, wir reden von Menschen, die mehrfach vertrieben wurden, da sich die Fronten ständig verschieben. Das heißt, die Situation ist nach wie vor schrecklich genug und die Bevölkerung ist das Hauptopfer dieses Konfliktes. Die internationale Gemeinschaft hat versagt, die Menschen aus Syrien vor Verfolgung und dem brutalen Umgang des Regimes zu schützen und zu einer Lösung beizutragen. Auch bei der Versorgung der Geflüchteten aus Syrien wird dieses Versagen klar und deutlich. Die Hilfsorganisationen sind seit Beginn des Krieges unterfinanziert. Sie bekommen nicht die nötige Unterstützung, um die Bedarfe dieser Menschen, in Syrien und in den Nachbarländern, adäquat zu versorgen. Die Menschen aus Syrien sind somit in ihrem eigenen Land zwischen den Fronten eingekesselt.

(der ganze Artikel im PDF Format)
Illustration: Andrea Huber
Illustration: Andrea Huber