Ausgabe Nr. 39

Europa

„Europa hat sich abgeschminkt. Befreit von Rouge und Puder steht eklig da das Luder und faucht und stinkt.“ (Erich Mühsam, Entlarvung)

Liebe Europäer*innen, liebe Weltenbürger*innen,
Europa reicht eigentlich von den Küsten Portugals bis zu den Gipfeln des Ural, vom Nordkap bis nach Sizilien, Europa ist so viel mehr als nur die EU. Und dennoch denkt man beim Begriff Europa zuerst an die Europäische Union – als Hoffnungsträgerin, als Sehnsuchtsort, als bürokratischer Irrgarten, als kalte Festung, an deren Grenzen Menschen sterben. Einst begann der Europäische Einigungsprozess als Reaktion auf die Schrecken des Zweiten Welt- kriegs und wollte einen Hort des Friedens und des Humanismus schaffen. Ob das jemals geglückt war, sei dahingestellt, doch zumindest gab es progressive Entwicklungen. Nun wird dieser Prozess wieder umgekehrt. Die extreme Rechte – ob Fidesz, Lega oder AfD – reißt den Diskurs immer stärker an sich und befördert einen kulturellen Backlash – nicht nur in Migrationsfragen. Emanzipatorische Errungenschaften, wie die innereuropäische Freizügigkeit oder allgemeine Menschenrechte, werden zur Disposition gestellt und auf dem Altar nationalistischer Neurosen geopfert. Und wir als bisherige Kritiker*innen der europäischen Politik sehen uns langsam gezwungen, die letzten Reste der minimalsten europäischen Werte gegen ihre rechten Angreifer*innen zu verteidigen.
Die klassische Figur der Europa reitet auf dem Rücken des Stieres über das Wasser, die Boote der Geflüchteten sinken in den Wellen. In der Antike war das Mittelmeer Handelsroute und Zentrum der bekannten Welt, es verband Europa, die Levante und Nordafrika – ohne das Mittelmeer war europäische Kultur nicht denkbar. Heute ist das Mittelmeer streng bewachte Außengrenze und nasses Grab – die EU schottet sich dahinter ab und lässt Menschen ertrinken, als Appeasement an den rechten Mob. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Heftes kreuzte kein privates Rettungsschiff mehr im Mittelmeer, private Seenotretter*innen werden kriminalisiert. Ein unerträglicher Zustand.
Europa ist ein großes Thema, in diesem Heft geben wir euch einen kleinen Überblick dazu.
Euro Grenzgegner*innen
und Fluchthelfer*innen von der Hinterland-Redaktion