Über Leben im Wrack

Über Leben auf dem Wrack

Der Film „La Pirogue“ von Moussa Touré.

Weil sich die senegalesische Wirtschaft seit der Krise in den siebziger Jahren kaum erholt hat, wagen alljährlich Tausende die Flucht nach Europa. Die Spielfilmversion vom Überleben auf einem Schiffswrack und von enttäuschten Hoffnungen liefert der Regisseur Moussa Touré: In La Pirogue erzählt er vor allem vom sozialen Druck, der Westafrikaner zum Auswandern bewegt.

Während der europäische Film gerne den Umgang mit Migrantinnen und Migranten problematisiert, verschiebt der Senegalese Touré (TGV, 1998) in seinem neuesten Film die Perspektive und fragt: Was erhoffen sich Menschen aus Westafrika eigentlich von einer Migration? Dazu isoliert er seine 30 Protagonisten auf einem alten Fischerboot, das von Dakar aus zu den Kanarischen Inseln schippern soll. Bevor die angehenden Musiker und Fußballstars im „Eldorado Europa“ ankommen, müssen sie ein starkes Unwetteratisches Problem ist, das uns alle angehen muss?“ Der Spiegel schreibt dazu: „Der Albaner zeigt ein übersehenes Deutschland, das ein Bundesbürger in der Regel kaum wahrnimmt: Brachen und Ruinen neben Glaspalästen, Schrottlager in Hinterhöfen. Nabers Film führt in eine Schattenwelt, in der die Verwertung des Menschen als Arbeitskraft ihre radikalste Ausprägung findet. […] Illegalität geht unter die Haut. Dieser Film tut es auch.“

Genau diesen schmalen Grat ist Naber erfolgreich gegangen. Der Film stellt die Zustände in Deutschland und die Situation von Menschen ohne geregelten Aufenthalt anschaulich dar und kritisiert diese. Allerdings werden auch die Lebensbedingungen für Arben und Etleva in Albanien kritisch beleuchtet. Beide zerbrechen im Endeffekt an den Umständen und der damit verbundenen Unmöglichkeit miteinander das Kind zu bekommen. Dafür trägt jedoch nicht ein einzelner Umstand schuld, sondern ein Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren, die in beiden Ländern zu finden sind. Bemerkenswert ist auch, dass es Naber gelingt, die albanischen Verhältnisse zu kritisieren, ohne dabei eine eurozentrische Perspektive einzunehmen. Das hat zwei Gründe: Die Akteure kommen aus Albanien und Naber zeigt exemplarisch auf eine gelungene Weise den Generationenkonflikt in vielen Ländern der Welt. Arben und Etleva wollen vor den verkrusteten (Familien)Strukturen fliehen und werden nie mehr in die Berge zurückkehren.

Der Albaner ist vermutlich die schwerste Kost von den drei Filmen. Auch er baut auf Emotionen und der nicht erfüllbaren Liebe zwischen Etleva und Arben auf. Aufgrund der Schwierigkeit mit Illegalisierten eine Dokumentation zu drehen, hat sich Naber für einen Spielfilm entschieden. Damit gelang ihm eine packende Erzählung, die eindringlicher ist als In This World und Welcome. Nichtsdestotrotz haben auch die anderen beiden Filme ihre Stärken und vor allem ihre jeweils eigene Perspektive auf das Thema. Zu empfehlen sind sie alle drei. Unterhaltsam auch, auch wenn es keine freudige Angelegenheit ist. Warum aber gibt es immer mehr Filme über dieses Thema? Es ist zu vermuten, dass gerade zu Zeiten der Wirtschaftskrise, großer Umbrüche und verlorengegangener vermeintlicher Sicherheiten, aber auch zunehmender Migration das Thema Flucht und (Zu-)Wanderung virulent ist. Filme sind eine Art und Weise, sich damit zu beschäftigen. Auch wenn sie immer unterhaltsam sind, können sie ernst zu nehmende Sichtweisen vertreten und zum Denken anregen. In This World, Welcome und Der Albaner sind drei Beispiele dafür.<

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