Wenn Paragraphen keine Sprache sprechen
Von Vlada Fetisova und Mehtab Tuzlali
Ein Stück Papier in der Hand, das über die Zukunft entscheidet. In einer anderen Sprache – in einer, die selbst Muttersprachler*innen kaum verstehen. Und keiner, den man fragen kann. Du weißt nur: Du musst irgendetwas tun, und zwar schnell. Doch was genau? Wie? Du bist nicht dumm. Nur ausgeschlossen.
Das deutsche Rechtssystem in allen seinen Formen und Gestalten – von Gesetzen und Verordnungen, zu Gerichtsbeschlüssen und Verwaltungsakten – ist kompliziert und manchmal undurchschaubar, obwohl es für Ordnung und Klarheit sorgen soll.
Für Nicht-Muttersprachler*innen, kommt neben der deutschen Sprache eine dritte Sprache hinzu – die juristische Sprache, mit der selbst Deutsche manchmal
zu kämpfen haben. Zu formal, zu abstrakt, zu bürokratisch. Und das, obwohl es hier um existenzielle Fragen geht: Bleiberecht, Sozialleistun gen und Arbeitserlaubnis. Regelungen, gemacht für ausländische Menschen, sind nicht greifbar und zugänglich, sondern verbarrikadiert durch Sprache.
Recht ist eine Ressource und bedeutet Chancen, Möglichkeiten und vor allem Teilhabe. Kein Rechtsverständnis zu haben bedeutet daher den systematischen
Ausschluss von dieser Ressource – selbst dann, wenn sie einem zusteht. Fehlt die Klarheit über die eigenen Rechte, entsteht Unsicherheit. Und mit ihr kommen
Druck, Stress und Angst: die Angst, ein wichtiges Dokument zu vergessen. Die Angst, etwas im Kleingedruckten übersehen zu haben. Die Angst, nicht zu wissen, was man gerade unterschrieben hat. Oder dieAngst, eine Frist bereits verpasst zu haben – womit alle bisherigen Anstrengungen umsonst gewesen sein könnten.
