Ausgabe Nr. 20

Schwerpunkt: Ich weiß, was gut für dich ist

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EDITORIAL:

Weil wir wissen, was gut für Euch ist!

Somit sind nun auch wir beim Paternalismus angekommen, einem Thema, das in unseren Redaktionssitzungen zu unvermittelter Diskussion und vielen Anekdoten geführt hat.

Schönes Thema also und viel Stoff für eine ganze Ausgabe Hinterland. Denn man findet fast überall ein paar Schlauberger, die wissen, was gut für uns und den Rest der Welt ist: In der Sozialen Arbeit, der Entwicklungszusammenarbeit, dem Bildungssystem, der Familie und natürlich auch in der Flüchtlingsarbeit. Gehören wir vielleicht selbst zu diesen Besserwissern?

Aber wo fängt er eigentlich an und wo hört er auf, der fürsorgliche Paternalismus? Wann ist er in Ordnung und wann nervige Bevormundung? Und wo führt das hin, wenn schon in der Hilfe eine paternalistische Haltung mitschwingt und etwas eigentlich gut Gemeintes somit moralisch bedenklich wird? Überhaupt, wie steht´s um Freiheit, Autonomie und Moral, denn hierum geht es ja irgendwie auch?

Rechtsgelehrte sprechen von staatlichem Paternalismus, wenn der Staat seinen Bürgern und Bürgerinnen zu ihrem eigenen Schutz etwas aufzwingen will, was von diesen so nicht unbedingt gewollt ist. Rechtlich relevant wird das nicht nur bei Gurten und Helmen, sondern auch bei Drogen, Alkohol und Suizid.
Und bei aller Fürsorge schwingt hier der Ansatz mit: Da die Bürger und Bürgerinnen das mit der Freiheit leider nicht so hinkriegen, brauchen sie einen Staat, der sie per Vorschriften entsprechend hinbiegt. Aber ist das moralisch in Ordnung? Auch in der Sozialen Arbeit geht es um das Verhältnis von Hilfe und Moral: Es stellt sich die Frage, ob Hilfe immer gut ist oder eben nur solange sie die Autonomie der Geholfenen nicht untergräbt. Dabei wollen doch auch die berufsmäßigen Altruisten und Altruistinnen stets „nur das Beste“ für die Betroffenen, die eben selbst manchmal nicht zu wissen scheinen, was dieses „Beste“für sie ist.

Schließlich und endlich müssen wir uns vielleicht aber auch fragen, ob das Anprangern des Paternalismus nicht deshalb einen regelrechten Aufschwung erlebt, weil Autonomie heutzutage ein geradezu verklärtes Gut geworden ist. In einer Zeit, in der die Vermarktung des Selbst Hochkonjunktur hat, lässt man sich einfach nicht mehr so gerne reinquatschen. Das unabhängige Individuum duldet nur ungern Einmischung und möchte, soweit möglich, selbst entscheiden. Und falls doch mal Hilfe gebraucht wird, halten Bücherladen und Internet heute eine Vielzahl von Ratgebern bereit. Zwar sind diese per se auch paternalistisch, greifen aber die Autonomie nicht so unmittelbar an wie der erhobene Zeigefinger eines fürsorglichen Schlaubergers.

Zudem haben wir ein paar Splitter aus unserem paternalistischen Alltag ins Heft gestreut.

Viel Spaß beim Lesen,

Eure Hinterland-Redaktion